Mit Live-Shows gegen Netflix & Co. - Formatentwicklung
Nicolas Kreutter ist Formatentwickler & Creative Producer für TV-Sender, VoD-/ Audioplattformen und Produktionsfirmen im deutschsprachigen Raum.
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Mit Live-Shows gegen Netflix & Co.

The Masked Singer Pro Sieben

Mit Live-Shows gegen Netflix & Co.

Mit Disney+ kommt im März ein weiterer Streamingdienst auf den deutschen Markt, der den TV-Sendern hierzulande noch mehr das Wasser abgraben wird. Doch bevor die TV-Branche bald auf dem Trockenen sitzt, entdeckt sie eine längst verloren geglaubte Technologie wieder! Denn das alte, lineare Fernsehen kann etwas, das keine VoD-Plattform und kein Streamingdienst aktuell bietet: live senden! Und ich meine jetzt nicht die Liveübertragung des WM-Finales oder die Hochzeit von Harry und Meghan, nein, ganz gewöhnliche Shows und Doku-Formate werden immer öfter live ausgestrahlt.

Die Zuschauer sind unmittelbar dabei, wenn etwas passiert oder auch nicht passiert. Früher hätte es kein Senderchef ertragen können, wenn über Minuten NICHTS in einer Livesendung passiert wäre. Doch nachdem das Fernsehen immer hektischer, schneller und unechter geworden ist, kommt jetzt die Rückkehr zur Authentizität, zur Livesendung.  Was geschieht, geschieht und was gesagt wird, ist raus. Und das Wichtigste: Livesendungen schaffen ein Gemeinschaftsgefühl. Man schaut die Sendung zur selben Zeit, wie viele Tausende auch – nicht zeitversetzt oder von Festplatte, nein gleichzeitig.

Mit Live-TV gegen AFD und Konsorten

Livesendungen sind im politischen Bereich auch die Keule, mit der die „Lügenmedien“ zurückschlagen. Denn plötzlich kann ihnen nicht mehr vorgeworfen werden, geschnitten, getrickst und Dinge aus dem Zusammenhang gerissen zu haben. Und das kommt an: Live-Interviews wird vertraut! Das ZDF ist  dazu übergegangen Gespräche mit Politikern sogar ungeschnitten – also quasi live ins Netz zu stellen. Als Beweis, dass in dem Beitrag nicht Fragen und Antworten manipuliert wurden. Nicht nur bei politischen Live-Debatten, wie aktuell zur Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen, schießen die Quoten nach oben.

Jahrelang wurden Show-Aufzeichnungen stellenweise bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt und neu zusammengesetzt. Wer jemals bei einer Aufzeichnung vom RTL-Supertalent dabei war, kennt den Unterschied zwischen dem, was er vor Ort erlebt hat und dem, was danach im TV ausgestrahlt wurde. Eigentlich hätte als Regisseur im Abspann nicht Volker Weicker genannt werden sollen, sondern der verantwortliche Schnittredakteur.

Einer der schon vor Jahren das ungeheure Potential von Livefernsehen erkannt hat, ist Stefan Raab. „Schlag den Raab“ ist mitunter auch deshalb so erfolgreich geworden, weil es live war. In dieser Show konnte zu jeder Zeit alles passieren – sogar noch morgens um 1:30 Uhr und das wussten die Zuschauer. Raab hat die Vorteile des Livefernsehens genutzt und voll ausgespielt. Denn auch für Hosts von Liveshows ist es ein anderes Gefühl: Sie sind konzentrierter, angespannter, vielleicht auch nervöser und performen deshalb besser – weil sie wissen, dass nichts wiederholt werden kann.

Deutlich zu sehen ist das auch bei der Quote von „Late Night Berlin“: Seitdem die Show „live aufgezeichnet“ und danach ungeschnitten gesendet wird, sind die Zuschauerzahlen nach oben geklettert. Allerdings: Live verzeiht keine Fehler! Hier zeigt sich, welcher Moderator und welche Moderatorin ihr Handwerk wirklich verstehen und wer eigentlich nur funktioniert, wenn er vom Teleprompter ablesen kann. Als erfolgreiches Beispiel ist hier auch noch das Live-Format „The Masked Singer“ zu erwähnen, das mit Matthias Opdenhövel als Host traumhafte Quoten für Pro7 eingefahren hat. Das berühmte Lagerfeuer kehrte für ein paar Abende zurück ins deutsche TV!

Der Livetrend setzt sich auch in anderen Genres fort

Kabel eins ist nach dem erfolgreichen Einstand der Liveübertragung einer Grenzkontrolle auf den Geschmack gekommen und will demnächst live aus einer Notaufnahme senden.

RTL hat zur besten Sendezeit vor kurzem eine Livesendung ins Programm genommen, in der über eine neue Abzockmasche berichtet wurde. Demnächst will man auch eine Herzoperation live begleiten.

Und was macht RTL2? Genau, der Sender wird eine Hochzeit live übertragen. Erstaunlich: Gesucht werden „Normalos“ und keine Promis die heiraten.

Am Ende macht es natürlich keinen Sinn, jede Pups-Idee als Live-Format aufzuziehen. Trotzdem ist die technische Möglichkeit der TV-Sender, Programme live auszustrahlen, aktuell ein großer Gewinn gegenüber den Streamingportalen. Jetzt gilt es weitere Formate zu entwickeln, die genau diese Stärke nutzen. Und ich meine damit nicht die neue Show von Tim Mälzer und Sasha bei RTL.